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Johannes Hilljes "Propaganda 4.0"

vor 6 Tagen
12 Min. Lesezeit

Die AfD provoziert nicht nur, sondern errichtet ein System: Journalismus delegitimieren, eigene Medien aufbauen, Zugehörigkeit stiften, das Land polarisieren. Johannes Hillje legt in der Neuauflage von „Propaganda 4.0" offen, wie diese vier Stufen ineinandergreifen – und warum die Brandmauer von beiden Seiten eingerissen wird. Hier ist meine Auseinandersetzung mit seinem Buch.


Johannes Hilljes "Propaganda 4.0" - Eine Buchrezension
Johannes Hilljes "Propaganda 4.0" - Eine Buchrezension

Im Januar 2025 gingen Hunderttausende in Deutschland unter einer einzigen Parole auf die Straße: „Wir sind die Brandmauer." Achtzehn Monate später erklärte der Generalsekretär der CDU bei WELT TV genau dieses Wort zu einem linken Begriff, der die politische Debatte vergiftet habe. Erfunden hat ihn die Linke nicht. Ein CSU-Politiker führte ihn 2014 ein, die CDU baute 2018 ihren Unvereinbarkeitsbeschluss darum herum, und Friedrich Merz versprach 2021 persönlich, dass es mit ihm eine Brandmauer zur AfD geben werde. Drei Jahre später behauptete er, das Wort habe nie zum Sprachgebrauch seiner Partei gehört.


Diese Kehrtwende ist der Angelpunkt von Johannes Hilljes Buch und erklärt den Untertitel der Neuausgabe: „Wie rechte Populisten Brandmauern einreißen". Die Mauer, so seine These, wird von beiden Seiten der Linie abgetragen – von der AfD, die den Begriff über Jahre hinweg zu einem zutiefst undemokratischen Prinzip umgedeutet hat, und von den moderaten Parteien und Journalisten, die diese Umdeutung übernommen haben. Das Ende August 2026 im Bonner Dietz Verlag erschienene, 163-seitige Werk firmiert als zweite, vollständig überarbeitete Neuausgabe eines Buchs, das erstmals 2017 vorlag, noch vor dem Einzug der AfD in den Bundestag.


Hillje, Jahrgang 1985, hat an der London School of Economics einen Master in Politischer Kommunikation erworben und in Kassel über Kommunikation und kollektive Identität im Rechtspopulismus promoviert. Er arbeitet als Politikberater in Berlin und war Wahlkampfmanager der Europäischen Grünen Partei. Seine Prämisse legt er offen: Kommunikation ist nicht die Vermittlung von Politik, sondern Politik an sich. Daraus folgt die verdichtete Grundthese. Der elektorale Erfolg der radikalen Rechten beruht auf dem Prinzip power through propaganda – einer Strategie, die gesellschaftliche Polarisierung herstellt und die AfD zur Anführerin des stärkeren Pols macht, gestützt auf die von Gramsci entlehnte und von Andrew Breitbart neu verpackte Annahme, kulturelle Dominanz gehe der politischen Herrschaft voraus.


Zu seinen Quellen zählen interne Strategiepapiere des Bundesvorstands, der Bundestagsfraktion und des Vorfelds, und er stellt früh die richtige Frage dazu: ob solche Dokumente womöglich gerade zum Gelesenwerden nach außen gelangten und ob das Aufgeschriebene je umgesetzt wird. Er verspricht, das abzugleichen. Ob er es tut, ist die interessanteste Frage, die das Buch über sich selbst aufwirft.


Die wichtigsten Eckpfeiler von Johannes Hilljes Untersuchung "Propaganda 4.0"


Sagbarkeit ausweiten, Normalsprache aneignen


Die geläufige Lesart der AfD lautet: Sie provoziert, die anderen springen, sie kassiert die Aufmerksamkeit. Hillje hält das für richtig, aber zu kurz gegriffen. Der Partei geht es nicht um kurzfristiges Rampenlicht, sondern um eine dauerhafte Verschiebung dessen, was eine Gesellschaft für normal hält – und sie greift nicht nur zu radikaler Sprache. Sie besetzt bewusst das gemäßigte Vokabular derjenigen, die sie ansonsten zu Feinden des Volkes erklärt.


Mit Ernesto Laclaus „leeren Signifikanten" beschreibt er Begriffe, die wie teure Vasen funktionieren: Sie nehmen viel Raum im öffentlichen Diskurs ein, ihre äußere Gestalt verändert sich nie, und sie lassen sich beliebig neu befüllen. Das Paradestück ist die Freiheit. Sie kommt in AfD-Wahlprogrammen häufiger vor als „Migration“, und 2021 benutzte die Partei das Wort in Bundestagsreden häufiger als jede andere Fraktion. Was hineingegossen wird – Minarettverbote, eine Kulturpolitik nach ungarischem Vorbild, Feindseligkeit gegenüber sexuellen Minderheiten –, hat mit Liberalität wenig zu tun und mit der Einschränkung fremder Freiheiten sehr viel. Für die ergänzende Bewegung gibt es einen biologischen Namen: Lockmimikry, das Vortäuschen, etwas Attraktiveres zu sein, als man ist. Die „Remigration", ein neutraler Begriff aus der Exilforschung, der unter anderem für die Rückkehr jüdischer Menschen nach 1945 verwendet wird, wurde von Martin Sellner umgedeutet und zum Schlüsselbegriff der AfD-Migrationspolitik. Wissenschaftssprache als Tarnung; Massenabschiebungen sind das Mindeste, was gemeint ist.


Die Brandmauer als Beute


Das Brandmauerkapitel ist das schärfste des Buches, auch weil Hillje sich das bequeme Urteil versagt. Er rekonstruiert die unionsgeprägte Begriffsgeschichte, definiert dann eng – keine Koalition, keine Duldung einer Minderheitsregierung, keine verabredete gemeinsame Mehrheitsbildung mit Extremisten – und hält fest, dass dies nicht undemokratisch ist, sondern schlicht die Wahrnehmung jener Parteienfreiheit, die Artikel 21 des Grundgesetzes gewährt.


Anschließend wendet er die Definition gegen die Erwartungen seiner mutmaßlichen Leserschaft. Als Merz im Januar 2025 seinen Entschließungsantrag zur Abstimmung stellte und wusste, dass AfD-Stimmen ihn tragen könnten, gab es keine Absprache mit der AfD. Nach seinem eigenen Kriterium war das kein Bruch. Es war strategische Dummheit, weil die AfD vom Spektakel profitierte und ihm bei der folgenden Wahl Unionswähler abnahm – die Rede vom „Tor zur Hölle" aus SPD, Grünen und Linken war jedoch ein Kategorienfehler. Er ergänzt, dass die Proteste ausblieben, als die Grünen im Europaparlament und im Sächsischen Landtag Anträge mit AfD-Stimmen durchbrachten. Wer über Rechtspopulismus schreibt, macht diese Beobachtung normalerweise nicht. Sie kostet ihn etwas, und sie macht alles ringsherum glaubwürdiger.


Nachfrage herstellen, Angebot liefern


Die Delegitimierung des Journalismus ist das erste Modul, und Hillje belegt ihren Ertrag mit Umfragedaten statt mit Behauptungen. Die Mainzer Langzeitstudie zum Medienvertrauen verzeichnete 2025 einen Höchststand beim Medienzynismus: Jeder fünfte Deutsche stimmt der These zu, die Bevölkerung werde systematisch belogen, ein weiteres Fünftel teilt diese Ansicht teilweise. Bei der AfD-Anhängerschaft schließt sich das Bild zu einem Weltbild – 76 Prozent glauben, der Staat gebe die Berichterstattung vor, gegenüber 40 Prozent insgesamt; beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk stehen 10 Prozent Vertrauen, 86 Prozent Misstrauen gegenüber.


Das Ökosystem bedient dann die selbst erzeugte Nachfrage, und Hilljes Typologie ist die am ehesten anschlussfähige Idee des Buches. Hausberichterstatter – Deutschland-Kurier, Compact, Kontrafunk, Auf1 – konsolidieren das Milieu nach innen. Türöffnermedien – NIUS, Apollo News, Tichy's Einblick – stehen am Rand des Hauses, umgeben sich auch mit Vertretern anderer Parteien und tragen die Erzählungen der AfD in die Mehrheitsgesellschaft. Der Demonstrationsfall ist die verhinderte Wahl Frauke Brosius-Gersdorfs zur Bundesverfassungsrichterin im Sommer 2025: Allein NIUS publizierte in den zehn Tagen vor dem Termin zwanzig Artikel, Angriffslinien wurden auf ihre Reichweite getestet, bis sich Abtreibung als Gewinnerthema herauskroch, und Beatrix von Storch verbreitete einen aus der Antwort herausgeschnittenen Merz-Clip. Die Wahl wurde abgesetzt, die Kandidatur zurückgezogen. Dieses Ökosystem kann eine Regierungskoalition in die Krise stürzen, und Parteispitzen operieren weiterhin in einer alten Medienrealität.


Slopaganda


Das wirklich neue Material betrifft generative KI. Auf den Kanälen der AfD sind KI-generierte Bilder längst in der Mehrheit, und das erste Muster ist die buchstäbliche Herstellung von Feindbildern – eine U-Bahn voller „Messermänner", ein Freibad voller Frauen in Burkinis –, die fotografisch wirken und bedrohlicher sind, als jede reale Aufnahme es sein könnte. KI, wie Hillje es formuliert, ist eine Stereotypenmaschine.


Das zweite Muster ist die beste Einzelbeobachtung des Buches. Mit dem Medienwissenschaftler Ronald Meyer argumentiert Hillje, dass generative KI strukturell nostalgisch sei: Sie rekombiniert vertraute Muster und vereindeutigt die Ästhetik, die sie ohnehin erkennt. Damit illustriert sie regressive Politik weit besser als progressive, denn eine Bewegung, die die Wiederherstellung einer nur als idealisiertes Bild existierenden Vergangenheit verspricht, verlangt der Maschine genau das ab, was sie kann. TradWife-Ästhetik und Deutschtümelei kommen schnell und sauber heraus; ein Bild von etwas Neuem nicht, weil es sich aus der Vergangenheit nicht reproduzieren lässt. Bannons Anweisung lautete, "Flood the zone with shit"; das Update heißt, sie mit Slop zu fluten.


Feel-Good-Extremismus und die Dialektik von Opfer und Retter


Das letzte Modul ist Identität, und hier bringt Hillje seine eigene Doktorarbeit ein: Von über 1.200 Facebook-Beiträgen der AfD dienten 75 Prozent der Schaffung einer sozialen Identität, mit Emotionen statt Werten oder sozialen Merkmalen als zentralem Element. Das Register ist nicht nur negativ. Neben Angst und Wut läuft ein Selbstbild moralischer und intellektueller Überlegenheit samt heroischem Rettergestus. Das „Wir" der Partei ist eine Dialektik von Opfer- und Retterrolle, und sie hat hervorgebracht, worum die etablierten Parteien ringen: eine moderne Parteibindung, die aus emotionalen Zuständen statt aus der Sozialstruktur stammt. Die AfD verfügt inzwischen über den größten Anteil an Anhängern mit stabiler Bindung im deutschen Parteiensystem.


Der wahlkämpferische Ausdruck ist das, was Hillje Feel-Good-Rechtsextremismus nennt, und die Beschreibung ist plastisch: Höcke auf einer Simson, ein Urlaubsflieger über den Worten „Sommer, Sonne, Remigration", ein KI-generierter Sonnenaufgang hinter dem Versprechen, wieder normal zu leben, und Ulrich Siegmund – einst Verkäufer von Raumdüften –, der ein Programm, das Menschen mit Behinderung abwertet und „kulturfremde" Mitmenschen verbannen will, in persönliche Geschmeidigkeit hüllt. Wenn das DIW vorrechnet, dass AfD-Wähler unter AfD-Politik weniger im Geldbeutel hätten, und das ein Paradox nennt, lautet Hilljes Antwort: Paradox wäre es nur, wenn Wähler vollständig informierte Nutzenmaximierer wären.



Johannes Hillje, Propaganda 4.0 - Kritische Bewertung: Mängel und Einschränkungen


Der Abgleich, der nie stattfindet


Hillje eröffnet mit der Frage, ob das Vorgehen der AfD überhaupt als Strategie zu bezeichnen ist, warnt, dass die durchgesickerten Papiere für die öffentliche Wahrnehmung verfasst sein könnten, bezweifelt, dass Papierstrategien umgesetzt werden, und kündigt an, dieses Buch werde den Abgleich vornehmen. Systematisch geschieht das nie. Er zitiert die Papiere – Sebastian Münzenmaiers „Ländliche Raumnahme" mit ihren Dorfkneipen, das Polarisierungspapier der Bundestagsfraktion – und zeigt dann Phänomene, die dazu passen. Ähnlichkeit ist kein Vollzug.


Die Folge reicht tiefer als ein fehlendes Kapitel. Hillje hält fest, Krisen seien für den Aufstieg der Rechtspopulisten eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung – was ihn verpflichtet, den hinreichenden Teil zu bestimmen. Das tut er nicht. Das Gegenbeispiel steht auf seinen eigenen ersten Seiten, wo er Heidi Reichinnek als eine von zwei Personen nennt, deren Reichweite ihr institutionelles Gewicht übersteigt. Ihre Partei ist digital native, emotional versiert und auf TikTok außerordentlich wirksam. Wenn die Methode das Ergebnis erklärt, müsste dieselbe Methode links vergleichbare Ergebnisse hervorbringen. Er bringt sie auf und lässt sie auf einer Seite fallen.


Der blinde Fleck des Beraters


Hillje berät hauptberuflich Unternehmen, Ministerien, Politiker und Parteien und beurteilt die Kommunikation von Merz, Söder, Dobrindt und Scholz mit dem Auge des Praktikers. Was nie in den Blick gerät, ist die Praxis selbst. Framing wird durchgehend als neutrales Instrument behandelt, das erst in den falschen Händen gefährlich wird.


Die Gegenmaßnahmen im dritten Teil – Charles R. Snyders Bauanleitung für politische Hoffnung, agency als Gestaltungsziel, „demokratischer Visionismus" als bewusstes Emotionsangebot – sind aber Techniken der Gefühlssteuerung, empfohlen an demokratische Akteure von jemandem, der dafür bezahlt wird, sie zu liefern. Das mag vertretbar sein; der Punkt ist, dass das Buch es nicht begründet. Eine Untersuchung über Propaganda, die Überzeugung und Manipulation als trennbar behandelt, schuldet dem Leser eine Auskunft darüber, wo die Grenze verläuft. Stattdessen akzeptiert man, dass dieselben Instrumente in der einen Hand Propaganda und in der anderen Handwerk sind, im Wesentlichen darauf gestützt, wessen Hand es ist.


Diagnose im Großen, Antwort im Kleinen


Der dritte Teil nennt sich selbst eine erste grobe Skizze, und es wäre unfair, von einem Kapitel ein Politikprogramm zu verlangen, das es nicht sein will. Die Asymmetrie bleibt gravierend. Hundertzwanzig Seiten belegen einen organisierten, gut ausgestatteten, technologisch führenden Apparat, verschmolzen mit dem, was Hillje broligarchy nennt. Die Antwort besteht aus dreißig Seiten Appellen an einzelne Akteure: Frame-Checking neben Fact-Checking, transparente Kriterien für die Besetzung von Wahldebatten, Zahlungsbereitschaft für Journalismus, bessere Fortbildung für Lehrkräfte.


Vieles davon ist vernünftig, und der Befund, dass die AfD in Gemeinden ohne Lokaljournalismus messbar besser abschneidet, gehört zu den still alarmierenden Datenpunkten des Buches. Aber kaum etwas davon steht im Verhältnis zueinander. Die strukturellen Hebel – Plattformregulierung und ihre Durchsetzung, die von Hillje selbst als finanzielle Kernwunde der Branche benannte Verschiebung der Werbebudgets, europäische digitale Souveränität – erscheinen in den Schlussabsätzen als Aufzählung. Wenn politische und technologische Macht verschmolzen sind, ist bessere journalistische Hygiene kein Gegengewicht.


Weg mit dem Wort – und dann?


Der Vorschlag, „Brandmauer" zugunsten des italienischen arco costituzionale oder eines „demokratischen Grenzschutzes" aufzugeben, wird als saubere Lösung für einen demolierten Begriff präsentiert. Hilljes eigene Analyse spricht dagegen. Sein Kapitel über leere Signifikanten zeigt, dass der wirksamste Zug der radikalen Rechten die Aneignung warmer, breit positiv besetzter Begriffe ist – Freiheit, Demokratie, Familie, Nation – und deren Umfüllung mit gegenteiligem Inhalt. Der Verfassungsbogen wird als inklusiv, einladend, wärmend beschrieben. Das ist eine Vase wie aus dem Lehrbuch, und nach seiner eigenen Darstellung dürfte sie etwa zwei Wahlzyklen halten.


Die tiefere Spannung bleibt unbenannt. Wenn die gegnerische Strategie darin besteht, die eigenen Wörter zu erobern, dann ist die Preisgabe eines Wortes bei jeder Eroberung genau das Ergebnis, auf das die Strategie abzielt. Die Alternative zur Verteidigung eines Begriffs ist nicht automatisch dessen Ersetzung; sie könnte darin bestehen, das Prinzip ganz ohne Schlagwort zu verteidigen. Das Buch greift nach einer neuen Metapher, weil Metaphern sein Medium sind, und fragt nie, ob die Suche selbst die Falle ist.


Vergleichende Analyse


Jan-Werner Müllers „Was ist Populismus?" (2016) liefert das definitorische Fundament – Populismus als Antipluralismus, als Anspruch auf die exklusive Vertretung eines homogenen Volkes. Müller beantwortet, was Populismus ist, Hillje, wie er arbeitet; der Beitrag ist tatsächlich additiv und keine Umformulierung.


George Lakoffs und Elisabeth Wehlings „Auf leisen Sohlen ins Gehirn" (2008) sowie Wehlings „Politisches Framing" (2016) sind die unmittelbaren methodischen Vorläufer, und Hillje stützt sich stark auf sie, einschließlich der These, dass die Negation eines Frames ihn stärkt. Die deutsche Kontroverse um Wehlings Framing-Gutachten für die ARD, in der genau diese neurowissenschaftliche Fundierung ausführlich bestritten wurde, greift er nicht auf. Für ein Buch, das so aufmerksam auf den Missbrauch wissenschaftlicher Begriffe achtet, ist die Auslassung auffällig.


Steffen Maus, Thomas Lux' und Linus Westheusers „Triggerpunkte" (2023) ist der Einwand, den Hillje unbehandelt lässt. Ihre Umfragebefunde zeigen eine deutlich weniger polarisierte Gesellschaft, als die Debatte annimmt, mit Konflikten, die sich an spezifischen Triggerpunkten ballen. Beides kann teilweise zutreffen – hergestellte Polarisierung im Diskurs, moderate Verteilungen in den Einstellungen –, doch die Zusammenführung wäre einen Abschnitt wert gewesen, und Mau kommt nicht vor.


Philip Manows „Die Politische Ökonomie des Populismus" (2018) ist das Gegenmodell und verortet populistischen Erfolg im Zusammenspiel von ökonomischer Offenheit, Wohlfahrts- und Migrationsregimen. Danach ist die Kommunikation der politischen Ökonomie nachgelagert, was Hillje dem Einwand aussetzt, er beschreibe nur die Oberfläche dessen, was anderswo entschieden wird.


Thomas Grevens „Das internationale Netz der radikalen Rechten" (Dietz 2026) ist der natürliche Begleitband, aus demselben Haus im selben Jahr. Greven kartiert die transnationale Organisationsarchitektur, Hillje das innenpolitische kommunikative Betriebssystem; gemeinsam gelesen schließen sie eine Lücke, die jedes für sich offen lässt. Eine Buchrezension zu diesem Buch wird hier in diesem Blog ebenfalls noch veröffentlicht.


Weiterreichende Implikationen


Für die politische Kommunikationsforschung markiert das Buch eine Verschiebung, die man registrieren sollte. Die üblichen Analyseeinheiten des Fachs waren lange die Botschaft, der Sender und die Wirkung. Hilljes Ökosystemmodell passt besser zu den heutigen Wegen des Einflusses, und seine Verabschiedung der Echokammer-Metapher ist eine Selbstkorrektur, die Nachahmung verdient. Die Kammer hat keine Wände, weil es nie um einen separaten Raum ging. Es ging darum, selbst zum Mainstream zu werden.


Für die Praxis sind zwei Grundsätze umsetzbarer als der Rest des dritten Teils. Demokratische und demokratiefeindliche Parteien sollten journalistisch nicht gleich behandelt werden, weil sie aus der Systemperspektive keine gleichartigen Akteure sind – was nicht heißt, Interviews zu verweigern, denn das hält Hillje für geradezu unjournalistisch, sondern sie anders vorzubereiten, mit ideologischer neben inhaltlicher Einarbeitung. Und seine Kritik an der Besetzung von Debattenformaten, illustriert an einem Sender, der einen AfD-Kandidaten ohne jede Machtoption in ein Ministerpräsidentenformat einlud, weist auf eine kleine konkrete Reform hin: transparente, extern geprüfte Auswahlkriterien.


Für die deutsche und europäische Debatte trifft die unbequemste Implikation die gemäßigten Rechte: Hilljes Befunde legen nahe, dass rhetorische Annäherung ohne politische Zusammenarbeit – Mainstreaming der Sprache bei verweigerter Koalition – das Original nicht schwächt, sondern in dessen Auftrag den Angstpegel hochhält. Ob diese Lesart die nächsten zwei Jahre der Koalitionspolitik übersteht, ist der Test, den sich das Buch selbst gestellt hat.


Fazit


Propaganda 4.0" leistet erheblich mehr, als eine überarbeitete Neuausgabe üblicherweise leistet. Hillje hat eine gut strukturierte, belegdichte und wirklich aktuelle Darstellung dessen vorgelegt, wie eine radikale Partei kommunikative Technik in politische Position umwandelt, und das Material zur generativen KI ist die derzeit beste kurze Behandlung synthetischer Propaganda auf Deutsch. Die Typologie von Hausberichterstattern und Türöffnermedien, die strukturelle Nostalgie der KI und der Begriff des Feel-Good-Extremismus sind drei Ideen, die andere Autoren übernehmen werden – der praktische Test für ein Buch dieser Art.


Seine Kosten sind die Kosten seiner Methode. Indem Hillje die Ursachen ausklammert, um die Mittel zu studieren, beschreibt er eine hochwirksame Maschine, ohne zu bestimmen, wie viel des Ergebnisses sie erklärt. Die Gegenmaßnahmen sind dünner - vielleicht auch gewollt -, als die Diagnose es rechtfertigt, und der Standpunkt, von dem aus Framing für Demokraten Handwerk und für ihre Gegner Propaganda ist, wird nie explizit genug, um bestreitbar zu sein.


Man liest es für die Anatomie, nicht für die Therapie. Und man liest das Brandmauerkapitel zweimal – nicht weil sein Vorschlag richtig wäre, sondern weil Hillje dort seine eigenen Kriterien auf seine eigene mutmaßliche Leserschaft anwendet. In diesem Genre ist das seltener als jede technologische Neuerung, und es ist mehr wert.




⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ☆ Bewertung: 4 / 5


Vorteile: Originäres Quellenmaterial aus internen AfD-Strategiepapieren, der eigenen Doktorarbeit und einer eigenen Netzwerkanalyse zur Manosphere; die derzeit beste mir bekannte deutschsprachige Darstellung generativer KI in der politischen Propaganda; eine anschlussfähige Typologie des rechtspopulistischen Medienökosystems; ein Brandmauerkapitel, das seine Kriterien gegen die eigene mutmaßliche Leserschaft anwendet; durchgehend belegorientiert, mit benannten Studien und Zahlen statt Behauptungen; ehrliche Selbstkorrektur dort, wo frühere Ausgaben falsch lagen.


Nachteile: Der angekündigte Abgleich zwischen Papierstrategie und tatsächlichem Vollzug wird nie durchgeführt; Kausalbehauptungen schweben über der Taxonomie, die sie tragen soll; das naheliegende Gegenbeispiel im linken Spektrum wird aufgeworfen und innerhalb einer Seite fallen gelassen; der berufliche Standpunkt des Beraters bleibt unbefragt, sodass die Grenze zwischen Überzeugung und Manipulation unbegründet bleibt; der dritte Teil ist unverhältnismäßig dünn und zielt auf individuelles Verhalten statt auf Strukturen; der vorgeschlagene Ersatz für „Brandmauer" widerspricht der eigenen Analyse darüber, wie die Rechte warm besetzte Begriffe erobert.


Empfohlen für: Kommunikationswissenschaftler:innen, Studierende und Journalist:innen, die über die radikale Rechte berichten; Chefredaktionen, die Richtlinien für Interviews und Debattenformate festlegen; Wahlkampfstrategen und Pressesprecher demokratischer Parteien; Akteure der politischen Bildung; Medienpolitikerinnen sowie alle, die eine aktuelle, technisch fundierte Darstellung davon suchen, wie KI die politische Propaganda in Deutschland verändert hat.


Vorbehalte: Nicht geeignet für Leser, die erklärt bekommen wollen, warum die AfD stark ist, stattdessen, wie sie operiert – die Ursachen werden ausdrücklich ausgeklammert. Nicht geeignet für alle, die eine ausgearbeitete Gegenstrategie erwarten, da der dritte Teil nach eigener Auskunft lediglich eine grobe Skizze sein soll. Wer einen neutralen Überblick über die deutsche Debatte sucht, sollte berücksichtigen, dass der Autor als Berater demokratischer Parteien tätig ist und aus dieser Position heraus schreibt.



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