Rezension: Carlo Masala, "Wenn Russland Gewinnt"
- Steffen Konrath

- 17. Sept.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Sept.
Carlo Masala ist bekannt als pointierter Politikprofessor, Talkshow-Gast, u.a. bei "Markus Lanz", und erklärter Realist in Sicherheitsfragen. In seinem neuen Buch Wenn Russland gewinnt wagt er ein Gedankenexperiment: Was passiert, wenn der Westen scheitert und Moskau seine Ziele in Europa durchsetzt?
Masala entwirft dazu ein Szenario, das im Jahr 2028 beginnt – mit einem fiktiven russischen Angriff auf Estland – und schildert die politischen, militärischen und gesellschaftlichen Folgen. Das Ergebnis ist ein düsteres, hochaktuelles Warnstück über die Fragilität westlicher Sicherheit.

Carlo Masala: Wenn Russland Gewinnt - Stärken
Markant für das Buch ist Masalas Ansatz, Szenarien als Methode zu nutzen. Er übersetzt nüchterne sicherheitspolitische Analysen in eine Erzählung, die Lesende mitten ins Geschehen versetzt: NATO-Konferenzen, vertrauliche Telefonate, russische Planspiele.
Durch die Mischung aus Fakten, politischer Debatte und fiktiven Dialogen wird deutlich, wie schnell politische Routinen in der Simulation versagen können, wenn der Druck steigt.
Masala zeigt, dass „russischer Sieg“ in seinem Planspiel nicht nur die Ukraine betrifft, sondern die gesamte europäische Sicherheitsordnung infrage stellt. Sein Buch wirkt damit wie eine intellektuelle Brandsirene: präzise in der Diagnose, anschaulich in der Darstellung, alarmierend in der Botschaft.
Buchkritik
Gerade die narrative Verdichtung, die das Buch so zugänglich macht, ist zugleich seine Schwäche. Szenarien sind naturgemäß Zuspitzungen und unterliegen ihren eigenen Parametern – und Masalas Szenario ist ausgesprochen schwarz gefärbt.
Andere denkbare Entwicklungen, etwa eine stärkere europäische Selbstbehauptung oder innenpolitische Erosion in Russland, treten in den Hintergrund. Zudem bleibt das Bild stark geopolitisch-militärisch; gesellschaftliche Dimensionen, wie Widerstandsformen von Zivilgesellschaften, spielen nur eine Nebenrolle.
Wer das Buch als Prognose liest, könnte den Fehler machen, Masalas Szenario für „die“ Zukunft zu halten – er selbst betont zwar die Offenheit von Entwicklungen, aber die literarische Kraft seines Szenarios droht diese Relativierung zu überstrahlen.
Vergleich mit ähnlichen Werken
Das Buch von Carlo Masala "Wenn Russland gewinnt", reiht sich ein in eine wachsende Zahl sicherheitspolitischer Warnliteratur.
Ähnlich wie Timothy Snyder in Über Tyrannei oder Constanze Stelzenmüller in ihren Essays betont Masala die Gefährdung der liberalen Ordnung, wählt aber die Form des erzählten Szenarios. Damit unterscheidet er sich von reinen Analysen, etwa Herfried Münklers geopolitischen Essays, und bietet einen literarisch zugespitzten Zugang, der an historische Alternativszenarien wie Robert Harris’ Vaterland erinnert – nur eben mit dem Ziel, politische Wachsamkeit zu erzeugen statt Unterhaltung.
Implikationen
Das eigentliche Gewicht des Buches liegt in seiner Funktion als Weckruf.
Masala will, dass die Leser:innen die Möglichkeit des Scheiterns ernst nehmen – um politisch und gesellschaftlich gegenzusteuern. Damit richtet sich Wenn Russland gewinnt nicht nur an sicherheitspolitische Expert:innen, sondern an eine breite Öffentlichkeit, die verstehen soll, warum Fragen von Rüstung, Abschreckung und Bündnisfähigkeit alles andere als abstrakt sind.
Fazit
Wenn Russland gewinnt von Carlo Masala ist ein drastisches, engagiertes und zugleich beunruhigendes Buch.
Wer nüchterne Szenario-Analyse erwartet, findet bisweilen literarische Überhöhung; wer sich von Panikmache abgestoßen fühlt, wird Masala überzogen finden. Doch gerade die Mischung aus Analyse und Erzählung macht den Text wirkungsvoll.
Für alle, die verstehen wollen, was auf dem Spiel steht, lohnt die Lektüre – auch und gerade, weil sie zum Widerspruch reizt.
⭐⭐⭐⭐☆ Rating: 4 / 5
Pros: Eindringlich erzählt, methodisch originell, politisch relevant
Cons: Einseitig düster, wenig alternative Szenarien, geopolitischer Tunnelblick
Empfohlen für: politisch interessierte Leser:innen, Journalist:innen, sicherheitspolitische Fachleute, Multiplikatoren im öffentlichen Diskurs
Vorbehalte: nicht geeignet für Leser:innen, die nüchterne Prognosen oder ausgewogene Policy-Analysen erwarten



